Wir treffen Quirin vor dem Langbrett-Shop in Berlin.

Hier macht der Yulex-Van Halt, der den neuen „neoprenfreien Wetsuit“ von Patagonia promotet.

Quirin Rohleder

Quirin Rohleder ist das offizielle deutsche Gesicht der Yulex-Kampagne. Er ist wohl einer der bekanntesten Surfer Deutschlands. Als Local auf der Münchner Eisbachwelle ist er eine Legende. Quirin war bereits in der Ausgabe von Veits ersten Stormrider-Guide-Ausgabe 1998 abgebildet. Daher freut sich Veit, ihn nach fast 20 Jahren auch mal persönlich zu treffen.

Quirin im Stormrider Guide

Nicht nur auf Flusswellen macht Quirin eine gute Figur, er ist einer der wohl wenigen Deutschen, die es auch schon mit Teahupoo aufgenommen haben. Nach vielen Jahren der Wellenjagd und Leben in Frankreich, Südafrika und Spanien ist Quirin wieder in München ansässig.

Quirin in seinem Business-Anzug

Quirin erzählt uns, dass er nach einigen Jahren bei Billabong, wo er im Bereich Marketing tätig war, nun seit bereits acht Jahren „Botschafter“ für Patagonia ist. Als Unternehmen der Outdoor-Kleidung machte sich Patagonia vor ein paar Jahren heran, auch Produkte für Surfer zu produzieren.

„Als ich das erste Mal mit einem Patagonia-Wetsuit am Eisbach auftauchte, waren die Leute tierisch neugierig“ erzählt uns Quirin. „Und?? Wie ist er denn so, der Anzug?!“

Quirin muss heute zugeben, dass die ersten Erfahrungen mit den konventionell hergestellten Patagonia-Neoprenanzügen noch keine Jubelstürme bei ihm auslösten. Die Wetsuits waren vergleichsweise teuer und konnten hinsichtlich der Qualität anderer Marken, bei denen Neopren seit langer Zeit zum Kerngeschäft gehörte, nicht mithalten.

Mittlerweile seien aber viele Jahre Entwicklung ins Land gegangen und der Abstand zu anderen Marken sei aufgeholt.

Goodbye Neoprene

Als Unternehmen, das das Thema Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie verankert hat, wurde bei Patagonia an der Umweltfreundlichkeit der Anzüge gefeilt mit dem Ziel, möglichst auf Neopren zu verzichten.

Denn Neopren basiert, wie andere Kunststoffe auch, auf Erdöl. Der Herstellungsprozess ist giftig und energieintensiv. Zudem ist Neopren nur begrenzt recycelbar.

Daher wurde in den letzten Jahren mit Naturmaterialien experimentiert, um einen neoprenfreien Wetsuit zu entwickeln.

Die Herstellung eines marktreifen Produktes ist dabei komplexer als man denkt: neben der Selbstverständlichkeit, dass der Wetsuit warm halten soll, muss er z.B. das optimale Verhältnis von Langlebigkeit und Flex/Geschmeidigkeit vorweisen. Bei der Kombination mit anderen Naturmaterialien müssen mögliche Allergien ausgeschlossen werden, was zur Verwerfung von Merinowolle als Fütterungsstoff führte.

Quirin’s Homework, Photo Credit: Dieter Verstl

2013 stellte Patagonia in Kooperation mit der Firma Yulex einen Wetsuit vor, der zu 60 % auf Guayale-Basis und zu 40 % aus Neopren bestand. Damit war der erste Schritt zum Eco Wetsuit gelegt.

In 2016 geht Patagonia nun großspurig offiziell mit dem ersten „neoprenfreien Anzug“ („ first neoprene free wetsuit “) in die Marketingoffensive. Anstatt Guayale wird Naturkautschuk verwendet.

Dieser wird auf traditionelle Art aus der Rinde der Hevea-Pflanze gewonnen. Durch Schnitte in die Rinde fließt der Milchsaft herab und der Baum wird auf diese Weise „gemolken“. 1 Liter Kautschuksaft reicht für 1 Anzug – ganz schön ergiebig!

Nature as good as it gets, Foto: Michi Lehmann

Die Pflanzen werden auf FSC-zertifizierten Plantagen in Guatemala und Sri Lanka angebaut, das heißt, dass die Plantagen mit der Biodiversität der Regenwälder im Gleichgewicht stehen. Anders als z.B. bei Palmölplantagen, muss kein Regenwald für den Anbau von Kautschuk weichen.

Patagonia wirbt mit der Reduzierung des CO2-Abdrucks bis zu 80% durch die Verwendung nachwachsender Rohstoffe (Kautschuk anstatt Neopren) und Energieeinsparung bei der Produktion (natürliches Sonnenlicht anstatt Strom aus der Steckdose).

Ob die Produktionswege in die CO2- Rechnung hineingerechnet werden? Zusammengenäht wird der Anzug nämlich in Thailand – ein Land, das sich auf die Manufaktur von Surfprodukten spezialisiert hat (die meisten Surfbretter von der Stange werden ebenfalls hier gefertigt). Laut Patagonia werden hier die sozialen Arbeitsstandards eingehalten.

Veit’s erste intuitive Tat, als er die Eco Wetsuits an den Racks hängen sieht, ist daran zu riechen – er kann aber keinen Unterschied zu einem herkömmlichen Neoprenanzug ausmachen…

Wirklich neoprenfrei?

Vielleicht liegt es daran, dass zum Yulex-Naturkatuschuk immer noch etwas synthetischer Kautschuk beigefügt werden muss. 85 % sind Naturkautschuk, 15% synthetischer Kautschuk. Im Vergleich zu Neopren ist dieser immerhin chlorfrei.

Die Aussage „100% neoprenfrei“ ist somit richtig, wirkt dadurch dennoch etwas konstruiert, da Neopren für die 15% durch einen anderen petrochemischen Stoff ersetzt wurde.

Der Grund, dass es noch nicht 100% Naturkautschuk sind, ist, dass es bislang noch nicht gelungen ist, genügend Flex, also Geschmeidigkeit und Stretch ohne synthetisches Kautschuk zu realisieren. Eigenschaften, die gerade beim Surfen sehr wichtig sind. Zudem muss der Anzug UV-Strahlung aushalten und Langlebigkeit garantieren. Daher muss noch immer 15% synthetisches Kautschuk beigemischt werden. Zudem bestehen weitere Schichten wie das Innenfutter aus recyceltem Polyester.

Ziel: 100%

Dennoch wird weiterhin daran gearbeitet, den Anzug zu 100% aus natürlichen Materialien herzustellen, schließt Quirin unsere Unterhaltung.

Smile for Sustainibility!

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass es Patagonia ernst meint und es nicht bei Greenwashing-Aktionen belässt, wie große Surfmarken, die hin und wieder vermeintlich grüne Produkte, wie aus PET-Flaschen recycelte Boardshorts, in ihr Sortiment werfen, um sich ein nachhaltigeres Image zu verleihen.

Hoffnung von Patagonia ist es, einen ernsthaften Trend zu setzen, der auch bei anderen Herstellern Früchte trägt.

In welchen Ausführungen gibt es den Wetsuit und was kostet er?

Der Wetsuit ist in 5 Temperaturausführungen, R1 bis R5, verfügbar. Foto: Screenshot von patagonia.com

Fullsuits starten bei 2/2 bzw. 3/2 mm ohne weitere Innenlayer. Hartgesottene Coldwatersurfer freuen sich über 6/5 mm mit „Micro Grid Thermalfütterung“ für eine gute Wärmeleistung. Damit ist auch Surfen in Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt möglich. Das Innenmaterial besteht dabei zu 55% aus recyceltem wasserabweisendem Polyester.

In Bezug auf Schnitt der Wetsuits wurde das Rad nicht neu erfunden – die Anzüge kommen in mittlerweile gewohnter Manier als Front oder Back-Zipper und mit sealed Seams, die wärmeren zudem mit eingenähtem Hoodie.

Um einen den Eco-Wetsuit zu erwerben, muss man etwas tiefer in die Tasche greifen, ab ca. 300 EUR für einen 3/2er geht es los, ca. 500 EUR kostet die Michelin-Männchen-Tiefkühl-Variante.

Langbrett in Berlin, Düsseldorf , Frankfurt und Hamburg vertreibt den Anzug in Deutschland.

Fazit

Der neue Yulex-Wetsuit von Patagonia mit Naturkautschuk anstatt Neopren ist mehr als ein Marketing-Gag. Es bedient die immer größer werdenden Zielgruppe umweltbewusster Surfer und ist eine ernst gemeinte Ansage an die Branche der Surfproduktehersteller.

Obwohl der Wetsuit von Patagonia als „neoprenfrei“ bezeichnet wird, wird dem Wetsuit noch immer etwas synthetisches Kautschuk beigefügt. Der Anzug ist somit zwar frei von Neopren, aber nicht von petrochemischen Zusatzstoffen, zumal auch das Innenfutter ebenfalls aus Polyester besteht.

Trotzdem bleibt der Yulex-Anzug der einzige Wetsuit, der das Prädikat Eco-Wetsuit verdient. Wir können es uns vorstellen, dass unser nächsten Wetsuit von Patagonia sein wird.

Vielen Dank an Quirin Rohleder für das freundliche Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei Deinen Projekten!

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PS: Bist Du ein umweltbewusster Surfer? Lies meinen Artikel zum Thema Surfen und Umweltschutz!

Über den Autor

Veit Jürgens und Anne Radke

Veit Jürgens ist Inhaber dieses Blogs. Nicht nur weil er surft und er die Natur liebt interessiert er sich für das Thema Nachhaltigkeit. Mehr über ihn erfährst Du im Reiter "Über". Anne Radke surft ebenfalls und hat ihre Leidenschaft für Umweltthemen in eine Profession umgewandelt: sie arbeitet als Nachhaltigkeitsmanagerin.

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